Wohnungsnot, Selbsthilfe und die Suche nach neuen Lösungen
1920 Vor der Gründung
Die rasche Industrialisierung und das starke Bevölkerungswachstum führten um die Jahrhundertwende in Basel zu einer akuten Wohnungsnot. Enge, teure und oft unhygienische Wohnverhältnisse prägten den Alltag vieler Arbeiter:innen und Angestellter. Als Antwort darauf entstanden erste Wohngenossenschaften, die auf Solidarität, Selbsthilfe und langfristige Verantwortung setzten. Sie wollten nicht spekulieren, sondern dauerhaft bezahlbaren Wohnraum schaffen. Mit der Einführung des Baurechts im Jahr 1912 erhielt diese Bewegung ein entscheidendes Instrument: Boden konnte im öffentlichen Eigentum bleiben und dennoch für den Wohnungsbau genutzt werden. Der Generalstreik von 1918 machte die Wohnungsfrage schliesslich zu einem zentralen politischen Thema. In dieser Zeit wurden die Grundlagen gelegt für eine organisierte genossenschaftliche Bewegung – und für den späteren Zusammenschluss der Genossenschaften in einem Verband.
- 1854-1865 Wohnungsnot: Industrialisierung – Bau von Arbeiterhäusern durch private Firmen im Raum Basel
- 1900 Selbsthilfe gegen Wohnungsnot: Mit der Gründung erster Wohngenossenschaften entsteht in Basel ein solidarisches Modell gegen Wohnungsnot
- 1901 Selbsthilfe gegen Wohnungsnot: Mit der Gründung erster Wohngenossenschaften entsteht in Basel ein solidarisches Modell gegen Wohnungsnot
- 1913 Erster Baurechtsvertrag: Erster Baurechtsvertrag mit der Basler Wohnbaugesellschaft (BWG) wird in einer Volksabstimmung knapp angenommen
- 1918 Wohnungsnot wird politisch: Der Generalstreik macht die Wohnungsfrage zu einem zentralen gesellschaftlichen Thema
Bild: Genossenschaftshaus mit ACV-Laden Eichentrasse/Buchenstrasse © BWG
Zusammenschluss, Sichtbarkeit und erste politische Wirkung
1920-1940
Nach dem Ersten Weltkrieg setzte eine erste grosse Gründungswelle von Wohngenossenschaften ein. Der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum war hoch, und immer mehr Initiativen erkannten, dass gemeinsame Interessen auch gemeinsam vertreten werden mussten. 1926 schlossen sich 14 Wohngenossenschaften zum Bund der Basler Wohngenossenschaften zusammen – der Beginn der eigentlichen Verbandsgeschichte. Der Verband verstand sich von Anfang an als Koordinations- und Interessenplattform gegenüber Politik und Verwaltung. Ereignisse wie die Schweizerische Wohnbauausstellung (WOBA) von 1930 machten das genossenschaftliche Wohnen öffentlich sichtbar und gesellschaftlich akzeptiert. Trotz wirtschaftlicher Krisen und politischer Spannungen etablierte sich der Verband in diesen Jahren als verlässliche Stimme für gemeinnützigen Wohnungsbau.
- 1919 Gesellschaft für Ansiedlung auf dem Lande
- 1920 Gemeinnütziger Wohnungsbau Basel (GWB), eine Sektion des seit 1919 bestehenden Schweizerischen Verbandes für Wohnungswesen und Wohnungsreform
- 1926 Gründung des Verbands in Basel: 14 Wohngenossenschaften schliessen sich zum Bund der Basler Wohngenossenschaften zusammen
- 1930 WOBA – Wohnen wird sichtbar: Die Wohnbauausstellung macht genossenschaftliches Wohnen öffentlich sichtbar
- 1936 Bauen gegen die Krise: Arbeitsbeschaffungsprogramme («Basler Arbeitsrappen») stabilisieren den Wohnungsbau in wirtschaftlich schwierigen Zeiten
Bild: Im Surinam 1930 © WG Eglisee
Nachkriegsboom und der Verband als Koordinator
1940-1960
Der Zweite Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit verschärften die Wohnungsnot erneut. Gleichzeitig begann eine Phase ausserordentlichen Wachstums: Zwischen 1943 und 1950 wurden in der Region Dutzende neue Wohngenossenschaften gegründet, tausende Wohnungen entstanden. Der Verband gewann in dieser Zeit stark an Bedeutung und wurde zur zentralen Koordinationsstelle für Beratung, Austausch und politische Abstimmung. Neue Instrumente wie standardisierte Baurechtsverträge erleichterten den Bau, während innovative Projekte – etwa die Hochhäuser der WG Entenweid – neue architektonische und städtebauliche Wege aufzeigten. Der Verband stand für Aufbruch, Pragmatismus und den Willen, auch unter schwierigen Bedingungen gemeinsam Lösungen zu finden.
- 1943-1950 Die zweite Genossenschaftswelle: In der Nachkriegszeit entstehen Dutzende neuer Genossenschaften – koordiniert durch den Verband. Bau von 5'500 Wohnungen. Bis 1955 waren es ca. 7'000 Wohnungen
- 1951 Hoch hinaus für gutes Wohnen: Die WG Entenweid realisiert die ersten Wohnhochhäuser der Schweiz
Bild: WG Entenweid - Kannenfeldpark und Hochhäuser, © StABS, BLAIR 5372
Stagnation, Neuorientierung und regionale Perspektive
1960-1980
Ab den 1960er-Jahren veränderten sich die Rahmenbedingungen grundlegend. Die Abwanderung aus den Städten, neue Wohnformen und veränderte gesellschaftliche Bedürfnisse führten zu einem Stillstand im genossenschaftlichen Neubau. Gleichzeitig wuchs das Bewusstsein, dass Wohnungsfragen nicht nur lokal, sondern regional gedacht werden mussten.
Mit der Umbenennung zum Bund nordwestschweizerischer Wohngenossenschaften (BNW) im Jahr 1974 öffnete sich der Verband bewusst über Basel hinaus. Das 50-Jahr-Jubiläum 1976 markierte einen Moment der Reflexion: Der Verband war etabliert, musste sich aber neu positionieren. Das Raumplanungsgesetz von 1979 setzte zusätzliche Rahmenbedingungen, die die Arbeit der Genossenschaften langfristig prägten.
- 1974 Ein Verband für die Region: Der Verband öffnet sich mit der Umbenennung zum BNW für die gesamte Nordwestschweiz
- 1976 50 Jahre – und neue Fragen: Zum Jubiläum reflektiert der Verband seine Rolle im gesellschaftlichen Wandel
- 1979 Neue Regeln für Raum und Boden: Das Raumplanungsgesetz verändert die Rahmenbedingungen des Bauens nachhaltig
Bild: Wohnen im Grünen © BWG Rankhof
Professionalisierung und Sicherung der Grundlagen
1980-2000
Die 1980er- und 1990er- Jahre standen im Zeichen der Professionalisierung. Mit der Eröffnung einer eigenen Geschäftsstelle erhielt der Verband eine dauerhafte Struktur und baute seine Dienstleistungen für Mitgliedsgenossenschaften gezielt aus. Beratung, Vernetzung und politische Interessenvertretung wurden systematischer und sichtbarer.
Gleichzeitig entstanden neue Instrumente zur langfristigen Sicherung von Boden, etwa mit der Gründung der Stiftung Edith Maryon. Trotz wirtschaftlich schwieriger Phasen, wie der Immobilienkrise der 1990er-Jahre, stärkte der Verband seine Rolle als stabilisierender Akteur im Wohnungswesen und als Bindeglied zwischen Genossenschaften, Politik und Öffentlichkeit.
- 1983 Professionalisierung: Mit der ersten Geschäftsstelle wird der Verband dauerhaft handlungsfähig
- 1990 Boden sichern für morgen: Die Stiftung Edith Maryon stärkt den langfristigen Zugang zu Boden für gemeinnützigen Wohnungsbau
Bild: St-Johanns-Parkweg © wgn
Gestalten statt reagieren
2000-2020
Zu Beginn des neuen Jahrtausends gewann die Zusammenarbeit zwischen dem Verband und der öffentlichen Hand weiter an Bedeutung. Partnerschaftliche Baurechtsverträge mit dem Kanton Basel-Stadt schufen Planungssicherheit und Vertrauen. Mit dem Baurechtsvertrag Plus entwickelte der Verband neue qualitative und soziale Standards für den gemeinnützigen Wohnungsbau. Politische Meilensteine wie das Wohnraumfördergesetz von 2013 oder die Annahme der Neuen Bodeninitiative 2016 bestätigten zentrale Anliegen der genossenschaftlichen Bewegung. Der Verband war nun nicht mehr nur Reagierender, sondern aktiv mitgestaltender Akteur der Wohnpolitik in der Region.
- 2002 Partnerschaft mit dem Kanton: Ein neuer Baurechtsvertrag schafft Planungssicherheit zwischen Staat und Genossenschaften
- 2010 Baurecht Plus: Der Verband entwickelt neue qualitative Standards im Baurecht
- 2016 Der Boden bleibt öffentlich: Die Annahme der Neuen Bodeninitiative stärkt den gemeinnützigen Wohnungsbau
Bild: WBG Hegenheimerstrasse © Luca Selva Architekt:Innen
Zukunft zwischen Verdichtung, Nachhaltigkeit und Verantwortung
2020-Heute
In den letzten Jahren steht der gemeinnützige Wohnungsbau erneut unter Druck. Steigende Baukosten, globale Krisen und der Klimawandel stellen neue Anforderungen an Planung, Finanzierung und Bauweise. Gleichzeitig eröffnen Instrumente wie die Zonenplanrevision neue Möglichkeiten für innere Verdichtung und Erneuerung im Bestand. Der Verband positioniert sich zunehmend als strategische Stimme für nachhaltiges, soziales und langfristig gesichertes Wohnen. Mit dem 100-jährigen Jubiläum im Jahr 2026 blickt er auf eine bewegte Geschichte zurück – und gleichzeitig nach vorne: auf die Aufgabe, auch in Zukunft gemeinschaftliches Wohnen für breite Bevölkerungsschichten zu ermöglichen.
- 2020 Verdichten statt ausdehnen: Neue Zonenregeln ermöglichen innere Verdichtung und sichern Wohnraum im Bestand
- 2022 Wohnen unter Druck: Steigende Baukosten und globale Krisen erhöhen den Druck auf den Wohnungsmarkt
- 2026 100 Jahre Engagement: Der Verband feiert sein 100-jähriges Bestehen und blickt nach vorne
Bild: Das Westfeld wohnen&mehr © Niels Franke