Von den Anfängen bis heute: Vier Perspektiven auf genossenschaftliches Wohnen
Seit über einem Jahrhundert engagieren sich Wohnbaugenossenschaften in der Nordwestschweiz für bezahlbaren und gemeinnützigen Wohnraum. Ein moderiertes Podiumsgespräch im S AM Schweizerisches Architekturmuseum nahm diese lange Geschichte zum Ausgangspunkt: Vier Vertreterinnen und Vertreter diskutierten über Anfänge, Wandel und Perspektiven des genossenschaftlichen Wohnens.
Im Foyer zur Ausstellung «Wohnen fürs Wohnen: Schweizer Wohnbaugenossenschaften als Labor des Zusammenlebens» haben sich Maria Sanchez (Basler Wohngenossenschaft), Vedrana Žalac (Wohngenossenschaft Zimmerfrei), Jörg Vitelli (Präsident des Regionalverbands wohnbaugenossenschaften nordwestschweiz und Genowa Nord-West) und René Brigger (Neue Wohnbaugenossenschaft Basel) zum Podiumsgespräch zusammengefunden. Die vier Vertreterinnen und Vertreter repräsentieren mit ihren Genossenschaften fast ein ganzes Jahrhundert genossenschaftlichen Wohnbau. Gemeinsam mit dem Moderator Franz Horváth blicken sie auf die Anfänge ihrer Wohngenossenschaften zurück und erzählen damit ein Stück Stadtgeschichte.
Die Basler Wohngenossenschaft (BWG) ist die älteste Genossenschaft in der Nordwestschweiz. Sie erwarb bereits anfangs des 20. Jahrhunderts mehrere Liegenschaften in Basel, um der Bevölkerung gemeinnützigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Mit dem wachsenden Bedarf stiess dieses Modell allerdings rasch an seine Grenzen. In einer knappen Volksabstimmung von 1913 gewährte die Stadt Basel der BWG schliesslich Baurecht am Allschwilerplatz – zu einem Preis von 80 Rappen pro Quadratmeter. «Schon damals gab es das Bedürfnis eines Verbands, der die Wohngenossenschaften unterstützt», erinnert Maria Sanchez, Vorstandsmitglied der BWG. Der Bund der Basler Wohngenossenschaften, ein Zusammenschluss aus 14 Wohngenossenschaften, dem Allgemeinen Consum-Verein (heute Coop) und dem Departement des Inneren, trug diesem Bedürfnis vor hundert Jahren Rechnung.
Die zweite Blütezeit der Wohngenossenschaften
Der Regionalverband gewann besonders während des Zweiten Weltkriegs an Bedeutung als Koordinations- und Vermittlungsstelle gegenüber den Behörden. Denn nach den Kriegsjahren folgte eine regelrechte «Genossenschaftswelle»: Allein zwischen 1943 und 1950 entstanden in Basel rund 70 neue Wohngenossenschaften mit 5'500 Wohnungen. Dieser Boom flachte in den 1960er-Jahren allerdings rasant ab, wie sich René Brigger erinnert: «Die Konjunktur schlief ein und es gab kaum mehr Förderung für den Wohnungsbau.» Deshalb schlossen sich Mitglieder des Grossen Rats zur Neuen Wohnbaugenossenschaft Basel (NWG) zusammen, um gemeinsam die Wohnungsknappheit zu bekämpfen. Auf einem ehemaligen Gutsbetrieb zwischen dem Dreispitz und dem Jakobsberg erstellte die NWG schliesslich ein Doppelhochhaus für knapp neun Millionen Franken.
Ein unruhiges Jahrzehnt: B'sitze statt b'setze!
Jörg Vitelli repräsentiert an diesem Abend im S AM Schweizerisches Architekturmuseum die dritte Basler Genossenschaftswelle. Der 75-Jährige ist Präsident des Regionalverbands und der Gewona Nord-West. Er engagierte sich bereits in den 1970er- und 80er-Jahren für die Quartierentwicklung in Basel. Er gründete mit SP-Freunden die Wohngenossenschaft St. Johann. Sie wollten auf dem alten Schlachthof-Areal Genossenschaftswohnungen bauen, aber es entstand der schöne St. Johanns-Park. Damals gab es Jugendunruhen rund um die Alte Stadtgärtnerei und Hausbesetzungen. Unter dem Motto «B'sitze statt b'setze» wurde das erst Haus im St. Johann gekauft. «Für diesen Kauf liehen wir rund 100'000 Franken von einer anderen Genossenschaft – wir holten den Betrag bar in Zürich ab.»
Vier Expats gründen eine Genossenschaft
Anders als die Gewona erhielt die Wohngenossenschaft Zimmerfrei die nötige finanzielle Unterstützung von der Stiftung Habitat. Gemeinsam mit drei Verbündeten – alles Expats – realisierte sie 2017 ein Wohnprojekt auf dem Erlenmattareal. Als relativ neue Genossenschaft sieht Zimmerfrei sich «als Spiegel der echten Bedürfnisse vor Ort zu der jeweiligen Zeit». Das Ziel sei, sich stets zu fragen, welche Wohnungen man für wen baue, erklärt Präsidentin Vedrana Žalac.
Optimistisch in die Zukunft
Was die Podiumsgäste und deren Genossenschaften verbindet, ist das Engagement für den gemeinnützigen Wohnungsbau. Sie sehen die Organisationen in der Pflicht, sich auch in Zukunft weiterzuentwickeln: «Wir müssen uns stets fragen, ob die Wohnungen später auch funktionieren», so Maria Sanchez. Jörg Vitelli appelliert an die Genossenschaften, ihre Kräfte mittels Fusionen und Kooperationen zu bündeln. Und René Brigger blickt optimistisch in die Zukunft: «Wir haben heute Strukturen, mit denen die aktuellen Player arbeiten können.» Schlussendlich brauche es «Menschen, die eine ideelle Überzeugung haben und die Projekte durchziehen», sind sich alle einig.
Text: Noemi Bachofner, Textair GmbH




